Aktuell

Opferschutz in Europa

Jahreskonferenz von Victim Support Europe (VSE) 17. und 18. Mai 2017 in Dublin

Die Jahreskonferenz fand 2017 in Dublin, Irland statt.  Als Gastgeber wurde sie außer von VSE von dem irischen VSE-„supporter member“ „Victim’s Rights Alliance“ getragen. Konferenzort war das „Royal Hospital Kilmainham“, ein im Westen Dublins im eignen großen Park gelegenes altes Militärhospital aus dem 17./18. Jh. in beeindruckendem originalem Erhaltungs- und Ausstattungszustand.


Außer den europäischen Mitgliedern von VSE waren Teilnehmer aus Kanada, Russland, Südkorea und den USA zugegen.
Der (eher allgemeine) Titel der Konferenz war „Victims of Crime – Rights, Needs & Responses“.
Die Konferenz wurde von der irischen Ministerin „for Justice & Equality“ Frances Fitzgerald eröffnet.

Plenum 1:
Karen Joyce-McMahon vom „Office for Victim Assistance“ („OVA“) der US-amerikanischen Bundespolizei FBI (sie ist dort „Deputy Assistant Director“) berichtete – zum Thema grenz-überschreitende Opferhilfe – von den Aktivitäten des FBI mit US-Amerikanern als Opfern im Ausland. Ihr OVA finanziert sich aus einem nationalen Fonds, der aus Geldauflagen usw. der Verurteilten gespeist wird. Es kümmert sich einerseits um Opfer in den USA, betreibt z.B. ein „Rapid Deployement Programme“ bei häuslicher Gewalt, das für sichere Unterkunft Bedrohter sorgt.
Bei Auslandstaten andererseits arbeitet es eng mit den Auslandsvertretungen der USA zusammen. Es bietet kurzfristig Hilfe bei der Erfassung der (US-amerikanischen) Opfer und deren Information und Versorgung im Ausland an, sowie Unterstützung der Rückführung, und der Reise von Angehörigen ins Ausland bei nicht transportfähigen Opfern. Es kümmert sich auch um langfristige Hilfen, etwa die ggf. erforderliche Re-Integration im Ausland Geschädigter in ihre amerikanischen Heimatgemeinden/-strukturen.

Danach kamen Opfer schwerer Taten eindrucksvoll zu Wort (ein irischer Landwirt, Witwer seit Tötung seiner Frau durch den islamistischen Terroristen am Strand von Sousse, Tunesien, im Jahr 2015; die Europol-Mitarbeiterin Tereza Sernets, deren Stiefvater seine erste Frau und später ihre eigene Mutter getötet hat). 

Mark Castle, Chief Executive von Victim Support UK (Großbritannien): Gab einen Überblick über die Angebote seiner Organisation. Der „Homicide Service“ betreute 2016 ca. 300 Fälle; er verfügt über direkte Kontakte zur Polizei, auch weltweit.  Forderungen des Referenten an den Staat für „Cross Border Victims“: Volle Erstattung von Rückführungskosten für Opfer ins Heimatland bzw. von Angehörigen ins Tatland bei Transportunfähigkeit, einen nennenswerten Beitrag zu den Bestattungskosten, eine Vorab-Entschädigung nach schneller Prüfung des Sachverhalts.
Es gibt eine Kooperation mit der britischen „Reiseindustrie“.
In London gibt es „Visitor Advocates“ für ausländische Opfer.

Die anschließenden Workshops fanden jeweils zu sechst parallel statt. Ich war in Serie 4), „Immediate Psychosocial Response After Terrorist Attacks“.
Im Workshop A4) sprach Mary Fetchet, die Mutter eines am 9. September 2001 im WTC getöteten 24jährigen Sohns, die den Teilnehmern den letzten Anruf des schon vom Feuer Eingeschlossenen auf ihren Anrufbeantworter vorspielte.
Frau Fetchet hat u.a. „Voice“ gegründet, eine Selbsthilfeorganisation Betroffener für langfristige Unterstützung, hat eine umfangreiche Sammlung von Fotomaterial über die 9/11-Opfer organisiert und mehrere Publikationen über bestmögliche Strategien zur Prävention und Bewältigung von Massen-Tötungen (Terror, Amok) herausgegeben.
Ein portugiesischer Psychologe aus dem „Homicide Service“ der APAV – der größten portugiesischen Opferhilfsorganisation – sprach über Parameter einer optimalen Erstreaktion nach Terrorangriffen. Es bedürfe zunächst keiner Intervention durch akademisch ausgebildete Fachleute, ausreichend trainierte Laienhelfer reichten. Wichtig sei es für eine Begrenzung der psychischen Folgen, die Opfer so schnell wie möglich vom Tatort weg- und sie in unterstützende Strukturen zu bringen.

Danach Workshop B4,  „Supporting Victims of Terrorist Attacks in France and Germany“:
Die angekündigte französische Referentin war erkrankt.  Aus dem Publikum schilderten Mitarbeiter von INAVEM – der größten französischen Opferhilfsorganisation – die in der unmittelbaren Reaktion getroffenen Maßnahmen (u.a. nach den Anschlägen in Nizza und Paris zentrale Informationszentren).
Für Deutschland hat Frau van Hüllen vom „Weißen Ring“ vorgetragen. Als erschwerend hätten sich nach dem Anschlag vom 19. Dezember auf dem Berliner Breitscheidtplatz die deutschen föderalen Strukturen erwiesen; bundesweit einheitliche Hinweise (ihr Beispiel: für bayerische Opfer des Berliner Anschlags) auf Hilfsmöglichkeiten seien daher schwer zu geben gewesen.  Der WR hat kurzfristig ein Merkblatt über Opfer-Hilfsmöglichkeiten auf Englisch herausgegeben (5 Seiten; Themen/Hinweise: Föderale Struktur Deutschlands, Homepage des AA, bundesweite Notrufnummer 112, OEG, Fonds für Terroropfer, WR).

Plenum 2:

  • Unergiebig war der Vortrag des südkoreanischen Staatsanwaltes Min-Pyo Park, der das System therapeutischer Unterstützung (zum Erstaunen der Zuhörer durch die Staatsanwaltschaften) sowie materieller Entschädigung (in eher bescheidener Höhe, für med. Behandlung, Bestattung, mat. Schadensersatz) darstellte.
  • Der niederländische Staatsanwalt Jeroen Steenbrink sprach über die dortige Fortbildung von Staatsanwälten bzgl. Wahrnehmung von Opferreaktionen. Man halte ein mindestens einmal im Jahr stattfindendes direktes Gegenüber von StA, aber auch Polizei, mit Opfern für erforderlich; Opfern genügend einfühlsam zuzuhören falle StAen nicht leicht.
  • Es werde erprobt, Staatsanwälte als „case manager“ für Opfer einzusetzen.
  • Allison Turkel vom US-amerikanischen „Office for Victims of Crime“ (OVC) berichtete über vielfältige Aktivitäten u.a, im „Anti-Terror Emergency Assistance Program“, im „Terrorism Victim Expense Reimbursement Program“ und in verschiedenen der Kriminalität in den Gebieten der Natives (Indianer) gewidmeten Programmen.

Das Plenum am 2. Tag brachte Vorträge zu

  • „Supporting Vulnerable Victims“ (Michèle Colbourne, Queens Coroner [brit. Staatsanwältin]), die mit Beispielen eine Klassenbildung der „einfachen“ im Gegensatz zu den „besonders unterstützungsbedürftigen“ Opfern nach Delikt ablehnte; zwischen objektiver Deliktsschwere und Belastungsreaktion gebe es keine Korrelation. Jeder Fall bedürfte daher, und das sehe auch die Europäische Opferschutzrichtlinie vor, der individuellen Betrachtung und Bewertung.
  • Danach ging es – wieder mit eindrucksvollen Berichten zweier anonymer Opfer (denen der Ehemann bzw. der Großvater im Nordirland-Konflikt vor Jahrzehnten erschossen wurden) – um die Bewältigung von hate crime im Zuge nationaler Konflikte. Neu war mir, dass Nord-Irland die europaweit höchste Rate von Suiziden und Anti-Depressiva-Verschreibungen aufweist.
  • weitere Vorträge widmeten sich der polizeilichen Aufklärung zeitlich lang zurückliegender Fälle von hate crime und sexual abuse in UK.

Der Workshop C4 wurde von Sue O’Sullivan (Kanada), Karen Joyce-Mc Mahon (USA) und Victor Jamers (Niederlande) zum Thema „Supporting Victims of Terrorism – Planing, Crisis & Long Term Response“ geleitet. Brachte wenig Neues.

Workshop D4 (Paul Bertrand, Frankreich, Philippe Vansteenkiste, Belgien, Jelena Watkins, UK) widmete sich der Hilfe von Terror-Opfern untereinander (Peer Support for Victims of Terrorism), der großen Bedeutung der eignen Sicht der Opfer, und ihrer Schwierigkeiten bei Annahme von Hilfsangeboten „von außen“.

Das Abschlussplenum trug zusammenfassenden Charakter.

Für nähere Informationen siehe die folgenden Links zur Konferenz:


Christoph Gebhardt